"Oh, ein schönes Stückchen deutsche Erde" - das soll Ludwig I., König von Bayern im Jahre 1840 gesagt haben,
als man ihm seinen 54. Geburtstag auf dem hahnenkamm ausrichtete: Das Gelände war parkartig gestaltet, im Festzelt
fand sich die "einfach und ländlich verzierte Tafel". Bei Hof fand diese Feier fernab von München nicht die ungeteilte
Begeisterung - an jenen Tagen wurde zuhause die neue Universität eingeweiht - ohne seine königliche Hoheit.
Jahrzehnte später - genauer gesagt ab 1878 - befasste sich der Freigerichter Bund mit dem Gedanken, auf dem Hahnenkamm
einen Aussichtsturm zu bauen. Eigentlich in jener Zeit nichts besonderes, für einen Verein, der gerade einmal zwei Jahre
alt war, allerdings schon. Heute ist der Eigentümer dieses Turmes übrigens einer der ältesten Wandervereine Deutschlands.
Am 8. Juni 1879 stand es dann fest, man wollte "auf dem hahnenkamm einen steinernen Aussichtsthurm in antiker Form" errichten.
Finanziert werden sollte er durch Subscription von Anteilen über je 20 Mark (heute würde man es eine Anleihe nennen). Jährlich
sollten 3-5 dieser Aktien ausgelost und zurückgezahlt werden.
Im Frühjahr 1880 stand dann auch der Platz fest - die Gemeinde Hörstein hatte "bereitwilligst der unentgeltlichen Ablassung
des Grundstückes zugestimmt", nachdem zuvor die Gemeinde Kälberau eben dies verweigert hatte. Somit wäre dann auch der heutige
Standplatz des Turmes geklärt.
Der Turm wurde am 19. September 1880 während der Regentschaft Ludwigs II (des Märchenkönigs) mit einem großartigen Fest
eingeweiht und er erhielt den Namen "Ludwigsturm" - das hatte zwei Gründe: Einmal war 1880 das 700-jährige Kronjubiläum der
Wittelsbacher zu feiern und die Kahlgründer standen fest zu ihrem Herrscherhaus. Zum andern war da noch die Erinnerung an den
erwähnten Geburtstag Ludwigs I - von Ihm hatte der Turm seinen Namen.
Etwas Außergewöhnliches hatte dieser Turm aber doch, und zwar vom architektonischen her gesehen: Dieser erste Turm - und
damit der Kern aller folgenden Veränderungen - war an seinem Fuß schmaler als oben an den Zinnen. Warum? Nun, wenn man ein
hohes Gebäude von unten anschaut, entsteht der optische Effekt, dass es sich scheinbar nach oben verjüngt, also schlanker
wird. Das wollte man verhindern und stattdessen die stabile und feste Bindung an das Herrscherhaus dokumentieren.
Bereits bei der ersten Planung gab es übrigens bereits schon Mahner, die vorhersagten, der Turm würde eines Tages von den
wachsenden Spessart-Eichen eingeholt. Das geschah dann auch und in den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts stand man vor
der Herausforderung, den Turm zu erhöhen. Man befürchtete, der Untergrund würde den größeren Turm nicht tragen. So entstanden
die vier Aufmauerungen ("Raketenflügel"), um das Bauwerk zu verstärken. Leider wurde damit auch die Symmetrie gestört - der
alte Turm hatte eine 6-er Teilung (z.B. 6 Fenster je Ring) - aber es reichte nur für 4 Flügel, so wurde ein Teil der Fenster
zugemauert und die anderen hatten nun ungleichmäßige Abstände - der oben erwähnte optische Effekt war verloren. Andererseits
entsprach der neue Turm dem Zeitgeschmack um 1936 - und vor allem bot er wieder die berühmte Aussicht des Hahnenkamms.
Um das Jahr 2000 wurde immer deutlicher, dass 120 Jahre auch für einen Turm ein beachtliches Alter sind. Die Bausubstanz
hatte an vielen Stellen äußerst bedenkliche Schäden, der Turm musste für die Öffentlichkeit gesperrt werden. Vor allem die
Witterung, der Wassereintrag, aber auch die vielen Ausbesserungen über all die Jahre, die sich immer nach dem gerade
verhandenen Baumaterial gerichtet hatten, bedurften sehr grundätzlicher Maßnahmen. Runde drei Jahre vergingen mit Planung
und vor allem der Geldbeschaffung, heute hat der Turm als eine Brücke zwischen dem 19. Jahrhundert und der Neuzeit wieder
eine Substanz, der ihn seinen zahlreichen Freunden in Nah und Fern wieder für viele Jahre erhalten wird.
Text: Peter Miltenberger, Freigerichter Bund e.V., Alzenau
© Heimat- und Geschichtsverein e.V., Alzenau, 2004